Fashion ID

Salla Kuhmo & Martin Sigmund

Fashion ID, 2011/12

 

Während sich der Populärkonsum mit der Geilheit von Geiz brüstet, führt uns der Hochkonsum mit blasierter Unerreichbarkeit in Versuchung. Die skulpturalen Kleider und Accessoires von Louis Vuitton, Gucci, Dior und Co. attestieren ihrem Käufer keine Sparfuchsigkeit, sondern erheben ihn selbst zur Stilikone. In jener religiös anmutenden Aura wundertätiger Erhabenheit, welche die Designerartikel wie eine (marketinggenerierte) Gloriole umstrahlt, erhoffen sich die Modejünger durch den Kauf die Erlösung von den Zweifeln am eigenen Ich.

„Ich shoppe, also bin ich“ ist das Credo der Zeit und das manifestiert sich auf den großen Einkaufsmeilen dieser Welt am deutlichsten in den unzähligen mit Labels bedruckten Einkaufstüten, die, als stolze Jagdbeute am Arm getragen, die Zugehörigkeit des Konsumenten definieren. Die distinguierte Farbigkeit, das hochwertige Material und vor allem der Markenname heben den Träger einer Luxusmarkentüte aus dem Strom der H&M-Einkäufer heraus und bereits diese verschafft ihrem Träger eine stilsicher fertig eingerichtete Identität. Mit Louis Vuitton kann man nix falsch machen. Und wer nicht zum kleineren Kreis auserwählter Zahlungskräftiger gehört, der kauft bei Ebay die leere Tüte. Identität inklusive, Heiligsprechung optional.

Diesem Kult der Fashiontüten-Devotionalien gehen Salla Kuhmo und Martin Sigmund in ihrer Fotoserie gemeinsam nach. Wie viel Identität kann man aus einer leeren Tüte eigentlich rausholen? Und grenzt es nicht an Polytheismus, wenn wir neben Louis Vuitton auch noch Gucci und Dolce&Gabbana haben? Gestellt werden diese und weitere Fragen innerhalb der klassischen Genres der Fotografie, die samt und sonders, wenn auch mal mehr und mal weniger, ebenfalls im Dienste der Werbung stehen, die so mithilfe ihrer eigenen Strategien hinterfragt wird.

 

Text: Vivien Sigmund, 2012