Kuhmos Zwischenwelten

Wenn Salla Kuhmo über sich und ihre Kunst spricht, dann spricht sie immer von beidem, von Finnland und Deutschland, von Heimat und Zuhause, von Leben und Kunst, von Natur und Konsum, und irgendwann bekommt man den Eindruck, als ob sie stets das Dazwischen meint. So sind auch ihre Arbeiten auf irritierende Weise aufgeladen mit einer Art Doppelspannung, welche den Betrachter zu zwei Polen der Lesbarkeit gleichzeitig zieht. Mal subtil, mal plakativ, mal melancholisch, mal abstrakt, aber immer poetisch, geht es um die Möglichkeiten des Dazwischen.

 

Kuhmos Arbeiten sind auch immer ein Dialog zwischen den Medien. Die Künstlerin geht konsequent vom Foto aus und gelangt über die Zeichnung zu Collagen, Videos und Installationen. Mit dem Medium der Fotografie bedient sich die Künstlerin aus einem komplexen Kontext – Fotografie ist dokumentierte Realität, quasi authentisch, Fragment aus der Vergangenheit, mumifizierte Zeit, Licht aus einem Moment, der einmal genau so gewesen ist. Damit birgt jede von Kuhmos Arbeiten in sich Momente der Erinnerung, Reminiszenzen an das Medium sowie Persönliches. Im künstlerischen Prozess legt Kuhmo eine zeichnerische Ebene über die fotografische und spielt unaufhaltsam zahlreiche Variationen mit ihren Motiven durch, verändert diese durch neue Kontexte und verändert wiederum Kontexte durch die Motive. Was früher einmal „genau so gewesen ist“, als das Foto gemacht wurde, taucht modifiziert und instrumentalisiert immer wieder auf und wird jedes Mal zu etwas Neuem. In ihrem Kunstwerk vergegenwärtigt die Künstlerin Erinnerung.

 

Formal betrachtet sind die Arbeiten von Kuhmo allesamt Collagen beziehungsweise collageartig. Mal sind es Collagen auf Papier, mal linear angeordnete Collagen als Videoanimationen, mal Collagen im Raum als Installationen. Durch das Aufeinanderschichten von zweidimensionalen Materialien wie Fotografien und Zeichnungen besitzt die künstlerische Praktik der Collage objekthafte Eigenschaften. Damit sind Collagen auf paradoxe Weise immer beides zugleich, zweidimensional und räumlich. Aber dass Zweidimensionales und Dreidimensionales zusammengehört beziehungsweise das Eine ist und durch die Entfaltung im Raum zum Anderen übergeht, dies zeigt Kuhmo in jedem ihrer Werke auf unprätentiöse Weise. Durch die Mittel der Collage generiert sie surreal anmutende Bildräume, in denen Zeitliches und Räumliches verschwimmen und sich kontextuelle und begriffliche Grenzen auflösen. Hinter der von Kuhmo mit künstlerischen Konzepten und Kontexten aufgeladenen Oberfläche entfalten sich Tiefenräume und dieses seltsame „Dazwischen“ wird zur Metapher für einen Raum jenseits all dessen, für den Raum, den die Fantasie einnimmt.

 

Florian Härle, August 2010